November 3

Compassion Fatigue – wenn Mitgefühl zum Risiko wird

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Wenn Mitgefühl zum Risiko wird – alles zur Compassion Fatigue

Compassion Fatigue oder auch Mitgefühlsmüdigkeit kann jede Person treffen, die im Gesundheitswesen arbeitet. Lesen Sie hier, warum Mitgefühl ein wichtiges Instrument in der Betreuung werdender Mütter ist und wie es zur Gefahr für die mentale Gesundheit von Hebammen werden kann.

 

In diesem Beitrag lesen Sie:

  • Was ist Compassion Fatigue?
  • Wodurch Compassion Fatigue ausgelöst werden kann
  • Wen die Compassion Fatigue treffen kann
  • Diese Symptome hat die Compassion Fatigue
  • Hilfe bei Compassion Fatigue
  • FAQs zur Compassion Fatigue

Was ist Compassion Fatigue?

Mitgefühl hat seinen Preis. Dies zeigt das Phänomen Compassion Fatigue nur zu deutlich, denn Hebammen und Menschen, die im Gesundheitssektor arbeiten, sind tagtäglich mit positiven und negativen Gefühlen ihrer Mitmenschen konfrontiert.

Compassion Fatigue (Dt.: Mitgefühlsmüdigkeit) beschreibt einen Zustand, der auftritt, wenn eine Person vermehrt traumatisierten Personen ausgesetzt ist, jedoch das Trauma nicht selbst erlebt. Die von Compassion Fatigue betroffene Person erlebt das Trauma also indirekt über einen anderen Menschen – man nennt dies auch sekundären traumatischen Stress.1 Eine zusätzliche Belastung durch einen stressigen Arbeitsalltag kann auch Symptome eines Burn-outs hervorrufen. Deshalb setzt sich Compassion Fatigue aus sekundärem traumatischem Stress und Burn-out zusammen.1 Der Begriff Compassion Fatigue geht auf den amerikanischen Arzt und Universitätsprofessor Charles R. Figley zurück, der 1995 zum ersten Mal die Mitgefühlsmüdigkeit beschrieb.2

Compassion Fatigue - Grafik


Wodurch Compassion Fatigue ausgelöst werden kann

Die Compassion Fatigue kann durch die Betreuung von psychisch oder körperlich belasteten oder traumatisierten Menschen ausgelöst werden. Dies ist jedoch nicht der einzige Grund, der die Compassion Fatigue fördern kann: auch belastende Umstände am Arbeitsplatz haben ihren Einfluss. Zusätzliche oder verlängerte Arbeitstage können dem seelischen Wohlbefinden viel abverlangen. Eine hohe Arbeitsbelastung durch z.B. Personalmangel lässt das Stresslevel weiter steigen. Ein wichtiger Gegenspieler der Compassion Fatigue ist die Compassion satisfaction (Dt. Mitgefühlszufriedenheit). Die Compassion satisfaction ist das Gefühl der Zufriedenheit, wenn die verlangte Aufgabe gut gelöst werden konnte.

Zusammengefasst ist die Compassion Fatigue das Resultat aus einem dauerhaften Stresszustand und dem Gefühl der nicht Bewältigbarkeit.1

Darum ist Compassion Fatigue kein Burn-Out

Die Symptome des Burn-outs finden sich zum Teil in Betroffenen von Compassion Fatigue. Das Burn-out Syndrom resultiert aus einem Missverhältnis von Bewältigung der Arbeitsaufgaben und den eigenen Zielen. Wenn eine Person die eigenen gesetzten Ziele nicht erreichen kann, weil z.B. die Aufgabenliste nicht bewältigbar ist, kann dies in Frustration und einem Gefühl des Kontrollverlustes enden. Compassion Fatigue geht jedoch zusätzlich Hand in Hand mit der Betreuung von traumatisierten oder belasteten Menschen. Burn-out kann folglich jeden Arbeitsplatz betreffen, Compassion Fatigue lässt sich bisher nur in Care-Arbeit beobachten.

Wen die Compassion Fatigue treffen kann

Grundsätzlich können alle Menschen betroffen sein, die mit traumatisierten Menschen arbeiten. Dies betrifft das Gesundheitswesen, also Pflegekräfte, Ärzt:innen und natürlich Hebammen. Aber auch in der Sozialarbeit und der psychologischen oder psychiatrischen Betreuung können Helfende an Compassion Fatigue leiden.

Traumatisierende Geburten

Obwohl Geburten grundsätzlich sehr positive Ereignisse sind, die mit viel Freude verbunden sein können, sind Komplikationen nie ausgeschlossen. Die Begleitung von Totgeburten kann dabei eine besondere Herausforderung darstellen. Die sogenannte BLossoM Studie3 (Burnout after perinatal loss in Midwifery) hat untersucht, wie hoch das Risiko von Hebammen ist, an einer Belastungsreaktion nach einer Totgeburt zu erleiden. Es handelte sich um eine Querschnittsstudie, die mit einem webbasierten Fragebogen Informationen zu Leitlinienwissen und ihrem psychischen Wohlbefinden erhoben (Maslach Burnout Inventory (MBI) und dem Impact of Event Scale-Revised (IES-R)). Insgesamt 445 Hebammen wurden befragt.

Die Studie hat gezeigt, dass die Hebammen bezüglich Themenkomplex und Leitlinien gut aufgestellt waren. Mittlere bis hohe Erschöpfungssymptome zeigten 15,9% (n=65) der Geburtshelfer:innen. Das Schwierigste an diesen Situationen sei „Das Überbringen der Todesnachricht“ und die „Begleitung bei der Kontaktaufnahme mit dem verstorbenen Kind“. Fast ein Viertel (24,5%, n=109) der befragten Hebammen zeigten einen erhöhten IES-R Wert, was auf eine posttraumatische Belastungsstörung hindeutet.3

 

Diese Symptome hat die Compassion Fatigue

Die Symptome von Compassion Fatigue entwickeln sich langsam mit der Zeit. Frühsymptome lassen sich also vorzeitig erkennen. Folgende Symptome können Zeichen für eine Compassion Fatigue sein:4

  • Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit bei leidenden Gebärenden
  • Erschöpfung durch Aufgaben im Arbeitsalltag
  • Taubheitsgefühl und Gefühl der emotionalen Distanz
  • Verlust an Freude bei Tätigkeiten, die immer gerne gemacht wurden
  • Vermehrte Traurigkeit, Angst, Gereiztheit
  • Konzentrationsprobleme
  • Schlafstörungen und Albträume
  • Selbstisolation
  • Vermehrt Konflikte im Privatleben
  • Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel oder Verdauungsbeschwerden
  • Vermehrter Konsum von Alkohol oder anderer Substanzen

 

Hilfe bei Compassion Fatigue

Was also tun gegen Compassion Fatigue? Bisher gibt es dafür noch keine allgemein gültigen Antworten, jedoch einige Maßnahmen, die eine Besserung von Compassion Fatigue erzielen könnten:4

Interaktive Gruppenseminare können ein Weg sein, Compassion Fatigue zu mildern, dabei werden sowohl Einzel- als auch Gruppenübungen mithilfe von Multimedia (z.B. Handouts, Musik oder Bilder) durchgeführt.1 Meditation kann helfen, eigenen Gedanken bewusst gegenüberzutreten. Eine Hilfestellung für strukturierte Meditation stellen Audio-CDs.1 Die effektivste Methode ist jedoch der Unterricht von Resilienz-Techniken.1,5 Resilienz Training besteht darin, Entspannungstechniken zu erlernen, die immer – vor allem in negativen Situation – angewendet werden können.

Compassion Fatigue – wenn Mitgefühl zum Risiko wird

Tipps und Tricks

Die Canadian Medical Association stellt einige Tipps zur Verfügung, um die Symptome von Compassion Fatigue akut zu mildern:4

  • Achtsamkeitstraining hilft dabei, Gedanken, Gefühle und das körperliche Befinden bewusst wahrzunehmen, ohne sich davon mitreißen zu lassen. Als Beispiel gelten hier die Meditation und Resilienz-Techniken.
  • Tiefe, bewusste Atemzüge wirken bei Ängstlichkeit beruhigend.
  • Im Falle der Überforderung sich bewusst machen, was man verändern kann und worüber man die Kontrolle hat
  • Routine zur Selbstfürsorge: ausreichend Schlaf, eine gesunde Ernährung und körperliche Bewegung fördern das Wohlbefinden
  • Um Hilfe bitten: Familie, Freunde, Peer-Support Gruppen oder Therapeuten
  • Eine Auszeit von Nachrichtenkanälen und Social-Media Kanälen nehmen, bzw. die Zeit limitieren
  • Sich Zeit nehmen für geliebte Menschen und Aktivitäten einplanen, die einem besonders wichtig sind

Leitende Positionen haben ebenso einen wichtigen Einfluss auf das Wohlbefinden von Hebammen und Co.: Supervisionen in der Gruppe und Achtsamkeitstraining sind zwei Möglichkeiten, die Compassion satisfaction zu stärken.

 

Weiterführende Literatur:

British Columbia Mental Health Program: https://www.cpd.utoronto.ca/wp-content/uploads/2020/06/INT2011.pdf

 

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Die wichtigsten Antworten zur Compassion Fatigue

F: Ist Compassion Fatigue Burn-Out?

A: Nein, nur zum Teil. Die Compassion-Fatigue entsteht sowohl aus sekundärem traumatischem Stress als auch durch eine sehr hohe Arbeitsbelastung, also Burn-out. Compassion Fatigue tritt nur in Gesundheits- oder Sozialberufen auf, Burn-out kann in jedem Arbeitsfeld auftreten.1

F: Was ist ein sekundäres Trauma?

A: Durch das empathische Mitfühlen von traumatisierten oder leidenden Menschen, können auch die Betreuenden eine Belastungsstörung entwickeln. Sie erleben das Trauma indirekt durch andere.

 

Autorin: Dr. Lisa Raberger

 

 

Quellen

  1. Compassion Fatigue among Healthcare, Emergency and Community Service Workers: A Systematic Review – PubMed. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27338436/.
  2. Figley, C. R. Compassion Fatigue. 104.
  3. The BLOSSoM study: Burnout after perinatal LOSS in Midwifery. Results of a nation-wide investigation in Italy | Elsevier Enhanced Reader. https://reader.elsevier.com/reader/sd/pii/S1871519221000032?token=40F74B2FF357875312E9656B25760108CEF54A665D0DD0A517BB28DD7CA1DF6CF3E0F0C43F6365409EE8D1D40CF373FD&originRegion=eu-west-1&originCreation=20221026073425 doi:10.1016/j.wombi.2021.01.003.
  4. Compassion fatigue: Signs, symptoms, and how to cope. Canadian Medical Association https://www.cma.ca/physician-wellness-hub/content/compassion-fatigue, https://www.cma.ca/physician-wellness-hub/content/compassion-fatigue.
  5. Potter, P. et al. Evaluation of a Compassion Fatigue Resiliency Program for Oncology Nurses. Oncol. Nurs. Forum 40, 180–187 (2013).

 

 

 


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